Für viele Studierende in der Schweiz beginnt die Woche nicht im Hörsaal, sondern bei der Arbeit. Danach folgen Seminare, Pendelwege, Haushalt und Abgabetermine. Oft fehlt es am Ende nicht an Leistungsbereitschaft, oft fehlt verfügbare Zeit.
Wer Studium und Erwerbsarbeit gleichzeitig bewältigen muss, lebt mit einem eng bemessenen Zeitbudget.
Wo das Studium kaum noch Reserven lässt
Ghostwriting gewinnt unter solchen Bedingungen an Plausibilität. Das Studium besteht für viele längst nicht nur aus Vorlesungen, Lektüre und Prüfungen. Es steht zugleich neben Erwerbsarbeit, finanziellen Verpflichtungen und einem Alltag, der ebenfalls Zeit beansprucht.
Die Schweizer Daten zeigen eine hohe Erwerbstätigkeit unter Studierenden, ein knappes Zeitbudget und eine oft angespannte finanzielle Lage. Internationale Studien weisen darauf hin, dass genau solche Konstellationen die Nachfrage nach ausgelagerter akademischer Arbeit begünstigen.
Wer dieses Phänomen verstehen will, sollte daher auch auf die Bedingungen schauen, unter denen Studierende ihren Hochschulalltag organisieren müssen.
Arbeiten neben dem Studium gehört in der Schweiz zum Alltag
Die Erhebung des Bundesamts für Statistik zu den Studien- und Lebensbedingungen 2024 zeigt, dass rund 72 Prozent der Studierenden neben dem Studium erwerbstätig waren. Ihr gesamtes wöchentliches Zeitbudget lag bei 51,1 Stunden. Gegenüber 2020 ging der Aufwand fürs Studium um 2,1 Stunden pro Woche zurück, während der Zeitaufwand für Erwerbsarbeit um 0,7 Stunden zunahm. Zugleich stieg der Anteil der Studierenden mit einem Arbeitspensum von mehr als 40 Prozent. 42 Prozent ihrer Einnahmen stammten aus Erwerbstätigkeit. An Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen lag dieser Anteil bei 54 Prozent.
Diese Zahlen zeichnen ein klares Bild. Erwerbsarbeit ist für Studierende in der Schweiz kein Randphänomen. Sie gehört für viele fest zum Studienalltag. Fallen Prüfungen, schriftliche Arbeiten und Schichten in dieselben Wochen, bleibt nur wenig Spielraum.
Erwerbstätigkeit und Zeitbudget von Studierenden in der Schweiz
der Studierenden in der Schweiz arbeiten neben dem Studium
2024
Studienzeit
Erwerbsarbeit
übrige Einnahmen
übrige Einnahmen
Quelle: BFS, Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen im Jahr 2024: erste Ergebnisse.
Das Zeitbudget vieler Studierender ist eng
Wie dicht der Wochenplan vieler Studierender bereits vor dem jüngsten Anstieg der Erwerbsarbeit war, zeigt der BFS-Hauptbericht zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden 2020. Die durchschnittliche Wochenbelastung lag damals bei 52,0 Stunden. Davon entfielen 35,4 Stunden auf das Studium, 9,7 Stunden auf Erwerbstätigkeit, 5,6 Stunden auf Haus- und Familienarbeit sowie 1,3 Stunden auf ehrenamtliche Tätigkeiten. Gleichzeitig gaben nur 39 Prozent der Studierenden an, keine finanziellen Schwierigkeiten zu haben. 48 Prozent nannten kleine bis mittlere und 13 Prozent grosse bis sehr grosse Schwierigkeiten.
Damit wird sichtbar, wie wenig Reserve in vielen Wochen bleibt. Schon eine Krankheitsphase, zusätzliche Arbeitseinsätze oder eine besonders dichte Prüfungsperiode können das Gleichgewicht kippen. Zeitdruck ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine Frage persönlicher Organisation. Er gehört für viele zur Struktur des Studienalltags.
Studium 35,4 h
Erwerbsarbeit 9,7 h
Haus-/Familienarbeit 5,6 h
Ehrenamt 1,3 h
Für viele Studierende ist Erwerbsarbeit Teil der Studienfinanzierung
Die BFS-Auswertung zu Zeitbudget und Erwerbstätigkeit zeigt, dass für viele Teilzeitstudierende wirtschaftliche Motive im Vordergrund stehen. Genannt werden unter anderem der Lebensunterhalt, der Erhalt des Lebensstandards sowie die Mitfinanzierung anderer Personen. Wer arbeitet, tut dies oft nicht, um sich einen Zusatzkonsum zu ermöglichen. Für viele ist der Nebenjob Teil der materiellen Grundlage des Studiums.
Das verändert auch den Umgang mit Studienanforderungen. Wer die Arbeitszeit nicht reduzieren kann, reagiert auf Abgabetermine anders als jemand, der über mehr frei verfügbare Zeit verfügt.
Wenn der Nebenjob kein Nebenjob mehr ist
Lebensunterhalt sichern
Miete, Essen, Versicherung – die Grundkosten müssen gedeckt werden.
Lebensstandard halten
Freizeit, Mobilität, soziale Teilhabe nicht aufgeben müssen.
Andere Personen mitfinanzieren
Finanzielle Verantwortung für Partner:in, Kinder oder Familie.
Zeitdruck wird auch subjektiv als Belastung wahrgenommen
Wie sich diese Lage im Alltag anfühlt, zeigt der HES-Z-Studienbericht der ZHAW. In dieser Erhebung waren 80 Prozent der Befragten erwerbstätig. 57,6 Prozent gaben an, im Studium unter Zeitdruck zu stehen.
Die Quelle ist keine nationale Vollerhebung. Sie macht jedoch sichtbar, wie sich die statistisch fassbare Verdichtung des Alltags subjektiv niederschlägt. Die Verbindung von Job und Studium ist eng getaktet und wird von vielen als belastend erlebt.
Internationale Forschung zeigt, wie aus Belastung Auslagerung werden kann
Damit ist die Schweizer Ausgangslage umrissen. Unter solchen Bedingungen erscheint es nachvollziehbar, dass Studierende nach Entlastung suchen. Eine systematische Übersichtsarbeit von Philip Newton ist dafür eine zentrale Referenz. Sie wertet 71 Stichproben aus 65 Studien mit insgesamt 54’514 Teilnehmenden aus. In neueren Stichproben ab 2014 lag der Anteil jener, die angaben, jemand anderen für ihre Arbeit bezahlt zu haben, bei 15,7 Prozent. Bezahltes Auslagern akademischer Leistungen ist im Hochschulbereich also kein Randphänomen.
Dass Stress dabei eine wichtige Rolle spielt, legt auch die kanadische Studie von Ferguson, Toye und Eaton nahe. Sie beruht auf einer Befragung von 916 Studierenden eines Community College. Studierende, die Contract Cheating oder ähnliche problematische Praktiken angaben, wiesen höhere Stresswerte auf. Je stärker Arbeit, Alltag und Studium gleichzeitig beanspruchen, desto grösser scheint die Neigung, nach entlastenden Lösungen zu suchen.
Noch näher an der inneren Logik des Problems liegt die Studie von Alexander Amigud und Thomas Lancaster. Die Autoren zeigen, dass Studierende akademische Arbeit nicht einfach aus Bequemlichkeit auslagern. Eine zentrale Kategorie ihrer Untersuchung lautet „competing objectives“. Gemeint sind Ziele und Verpflichtungen, die gleichzeitig bedient werden müssen. Genau dies beschreibt die Lage vieler Studierender, wenn Studium, Erwerbsarbeit, Einnahmen und private Aufgaben miteinander konkurrieren.
Ergänzt wird dieses Bild durch die grosse australische Studierendenbefragung von Bretag und Kolleginnen und Kollegen. Sie umfasst 14’086 Studierende an acht Universitäten. Die Studie zeigt, dass Contract Cheating nicht allein aus individueller Entscheidung entsteht. Auch das Lehr- und Lernumfeld sowie wahrgenommene Gelegenheiten spielen eine Rolle.
In dieselbe Richtung weist die internationale Studie von Awdry und Ives. Auf Basis von 7’806 Studierenden in 22 Sprachen zeigen die Autoren, dass vor allem Kontextfaktoren, Fachdisziplin und die Wahrnehmung, andere würden ebenfalls betrügen, mit Contract Cheating zusammenhängen. Das spricht dafür, Ghostwriting stärker im Zusammenhang mit akademischen Umfeldern zu betrachten.
Auch Hochschulen behandeln das Problem nicht nur als Einzelfrage
Dazu passt, dass institutionelle Leitlinien das Problem ebenfalls breiter fassen. Die QAA-Guidance zu Essay Mills und Contract Cheating definiert das Phänomen klar und betont zugleich Prävention, Unterstützung und Prüfungsdesign. Der Blick richtet sich damit nicht nur auf Sanktionen, auch auf Bedingungen, unter denen Fehlverhalten begünstigt wird.
Das zeigt sich auch im Schweizer Kontext. Die ETH-Citation-Guidelines behandeln Ghostwriting ausdrücklich als eigenständige Form unklarer Autorschaft. Die Swiss Academies und ihre Partnerorganisationen verankern wissenschaftliche Integrität institutionell über Grundprinzipien wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Respekt und Verantwortlichkeit. Ghostwriting bleibt damit hochschulisch relevant. Zugleich zeigt der institutionelle Umgang, dass Regeln allein das Problem nicht erschöpfen.
Ghostwriting als Symptom eines verdichteten Studienalltags
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache – und sie machen nachvollziehbar, warum es überhaupt Anbieter für akademisches Ghostwriting gibt. Denn Ghostwriter bedienen keine abstrakte Nachfrage, sondern reagieren auf ganz konkrete Studienbedingungen. Für einen Teil der Studierenden sind sie schlicht die einzige Möglichkeit, akademische Leistungen auf dem geforderten Niveau abzuliefern, wenn Zeit und Ressourcen an ihre Grenzen stossen.
Das verändert den Blick auf das Phänomen grundlegend. Ghostwriting erscheint so weniger als bewusster Regelbruch, sondern vielmehr als eine Anpassungsreaktion auf einen Studienalltag, der von hoher zeitlicher und finanzieller Belastung geprägt ist.
Wer über akademische Integrität diskutiert, muss deshalb zwangsläufig auch über Studienrealitäten reden. Regeln sind und bleiben wichtig – keine Frage. Aber sie allein erklären nicht, warum so viele Studierende nach Entlastung suchen.
Doch was sagt es eigentlich über unser Bildungssystem aus, wenn Studierende sich externe Hilfe holen müssen, nur um den Anforderungen gerecht zu werden?
Ghostwriting ist letztlich ein deutlicher Hinweis darauf, wie stark Studium, Arbeit und Alltag heute miteinander konkurrieren. Oder um es mit den Worten von Barack Obama zu sagen: „Don’t be afraid to ask for help when you need it. Asking for help isn’t a sign of weakness, it’s a sign of strength.»
Quellenverzeichnis
- Bundesamt für Statistik. Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen im Jahr 2024: erste Ergebnisse.
https://dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/34187180/master - Bundesamt für Statistik. Studien- und Lebensbedingungen an den Schweizer Hochschulen. Hauptbericht der Erhebung 2020 zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden.
https://dam-api.bfs.admin.ch/hub/api/dam/assets/18584280/master - Bundesamt für Statistik / Swissstats. Zeitbudget und Erwerbstätigkeit.
https://www.swissstats.bfs.admin.ch/data/webviewer/appId/ch.admin.bfs.swissstat/article/issue201519951600-06/package - ZHAW. HEalth in Students at ZHAW (HES-Z) Studienbericht.
https://www.zhaw.ch/storage/gesundheit/institute-zentren/iph/projekte/studierendengesundheit/2024_HEalth_in_Students_ZHAW_HES-Z-Studienbericht.pdf - Newton, Philip M. How Common Is Commercial Contract Cheating in Higher Education and Is It Increasing? A Systematic Review. Frontiers in Education, 2018.
https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2018.00067/full - Ferguson, Sarah, Toye, Melissa, Eaton, Sarah Elaine. Contract Cheating and Student Stress: Insights from a Canadian Community College.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10161988/ - Amigud, Alexander; Lancaster, Thomas. 246 reasons to cheat: An analysis of students’ reasons for seeking to outsource academic work.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0360131519300235 - Bretag, Tracey et al. Contract Cheating: A Survey of Australian University Students.
https://eric.ed.gov/?id=EJ1233218 - Awdry, R. Joseph; Ives, Bob. International Predictors of Contract Cheating in Higher Education.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8990678/ - Quality Assurance Agency for Higher Education. Contracting to Cheat in Higher Education: How to Address Essay Mills and Contract Cheating (3rd Edition).
https://www.qaa.ac.uk/docs/qaa/guidance/contracting-to-cheat-in-higher-education-third-edition.pdf - ETH Zürich. Citation Guidelines.
https://ethz.ch/content/dam/ethz/main/education/rechtliches-abschluesse/leistungskontrollen/plagiarism-citationetiquette.pdf - Swiss Academies of Arts and Sciences et al. Code of Conduct for Scientific Integrity.
https://api.swiss-academies.ch/site/assets/files/25607/kodex_layout_en_web-1.pdf